Leila Keivan
Landesstipendium Bildende Kunst 2026 mit der SV SparkassenVersicherung für Leila Keivan
Leila Keivan schloss 2024 ihr Studium im Bereich Kunst im öffentlichen Raum und neue künstlerische Strategien an der Bauhaus-Universität Weimar ab. In ihrem multidisziplinären Schaffen richtet Leila Keivan den Blick auf Archive und emotionalen Überbleibseln. Während des Landesstipendiums wird die gebürtige Iranerin sich mit dem Projekt »Das Archiv einer verschwundenen Utopie: Lisa, bleib hier, wir kommen jeden Tag zurück« dem Thema aus Sicht der zweiten Generation DDR-Bürger und Menschen mit Migrationsgeschichte widmen.
Jurybegründung
Leila Keivan Hosseinis Arbeiten nähren sich aus der Spannung zwischen Nähe und historischer Distanz. Als iranische Künstlerin, die in Deutschland arbeitet, trägt sie eigene Erfahrungen von Verschiebung und Mehrfachzugehörigkeit in sich, ohne sie je plakativ auszuspielen. Stattdessen entwickelt sie eine künstlerische Praxis, die Erinnerung als etwas Fragiles versteht, das ständigen Veränderungen unterworfen ist. Themen wie Trauma, Zeit und das Fortwirken vergangener Erfahrungen bilden dabei keinen theoretischen Rahmen, sondern einen stillen Resonanzraum, aus dem ihre Arbeiten entstehen.
Ihr Werdegang ist geprägt von einer bemerkenswerten Verbindung aus Handwerk, Bild und öffentlichem Raum. Die Ausbildung im Teppichdesign an der Tehran Art University hat ihr ein tiefes Verständnis für Materialität, Geduld und das Arbeiten mit Schichten vermittelt. Das Studium der Fotografie schärfte den Blick für das Flüchtige, für jene Momente, in denen sich Geschichte im Detail zeigt. Mit dem Masterstudium in Public Art und Neuen Künstlerischen Strategien an der Bauhaus-Universität Weimar weitete sich ihre Praxis schließlich in den sozialen Raum hinein. Dort formte sich ihr zentrales Konzept des „Artist’s Archive“: die Vorstellung, dass Orte, Körper und Biografien selbst Archive sind, in denen Erfahrungen gespeichert, überschrieben und überliefert werden.
Dieses Konzept legte den Grundstein für „Das Archiv einer verschwundenen Utopie: Lisa, bleib hier, wir kommen jeden Tag zurück“. Es ist ein Vorhaben, das nicht erklärt, sondern zuhört, das keine einfachen Linien zieht, sondern Verbindungen sichtbar macht, die lange unbeachtet geblieben sind. Im inneren Grenzgebiet Ostdeutschlands begegnen sich die Erinnerungen der zweiten DDR-Generation und die Erfahrungen heutiger Migrantinnen und Migranten in Thüringen. Auf den ersten Blick scheinen diese Lebenswelten kaum vereinbar, doch Leila Keivan Hosseini zeigt mit großer Klarheit, wie sehr sie durch Gefühle von Verlust, Marginalisierung und Entfremdung miteinander verbunden sind. Das Sehnen nach einem „Davor“ erscheint hier nicht als rückwärtsgewandte Geste, sondern als Versuch, Halt zu finden in einer Gegenwart, die für viele brüchig ist.
Der Titel des Projekts, der einen der gebräuchlichsten weiblichen Vornamen der DDR aufgreift, trägt diese emotionale Spannung in sich. „Lisa, bleib hier“ klingt wie ein leiser Zuruf an eine verschwundene Utopie, verbunden mit dem Versprechen, immer wieder zurückzukehren, weiter hinzusehen, sich nicht abzuwenden. In filmischen Arbeiten, im Sammeln scheinbar unbedeutender Objekte als Erbe und in der Entwicklung einer offenen digitalen Plattform entsteht ein Archiv, das nicht abschließt, sondern offenbleibt. Dokumentarische Genauigkeit, poetische Verdichtung und partizipative Strategien greifen ineinander und erweitern Hosseinis bisherige Praxis konsequent. Das Individuelle wird nicht aufgegeben, sondern eingebettet in einen kollektiven Prozess des Erinnerns.
Dass dieses Projekt gefördert wird, liegt in seiner besonderen Qualität begründet. Es verbindet künstlerische Forschung und gesellschaftlicher Relevanz. Neue Formen des Archivierens entstehen und Räume für Dialog, ohne Unterschiede zu nivellieren werden geöffnet. Die Arbeit macht sichtbar, wie Geschichte im Alltag fortlebt, wie Zugehörigkeit verhandelt wird und wie Kunst zu einem Ort werden kann, an dem komplexe Erfahrungen ernst genommen werden.
Am Ende steht die herzliche Gratulation zu dieser Idee, zu ihrer Klarheit und ihrer Sensibilität. Zugleich wächst die Freude auf die Umsetzung eines Vorhabens, das verspricht, viele Stimmen zusammenzuführen und ein Archiv entstehen zu lassen, das nicht bewahrt, um festzuhalten, sondern um weiterzugeben.
Dr. Adina Christine Rösch
Mitglied der Fachjury und des Kuratoriums
der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen
No one can resist the light, Öffentliche Intervention, Tehran, Iran, 2020,
Foto: Leila Keivan
Perfect storm, Öffentliche Performance, Chemnitz, 2021
Foto: Carlos Santos
Narration of the lost moment, Bauhaus Museum Weimar, 2022
Foto: Hossein Motahar
Shores of the Body, ACC Galerie Weimar, 2024
Foto: Svea Benett
Sun of the Midnight, Maxim Gorki Theater, Berlin, 2025
Foto: Leila Keivan
Alle Abbildungen © Susanna Hanna